„Wenn das die Nachbarn wüssten“: Ein humorvolles Plädoyer für Toleranz
Neues Buch von Oberpfälzer Autorin Antonia Vitz
von Bettina Gröber
Als ein queeres Paar ins Dorf zieht, prallen Welten aufeinander. Antonia Vitz beschreibt das heikle Thema mit Witz und sehr lebendig. Im Duo kommt sie nun nach Nittenau.
Die lieben Nachbarn, zumal wenn sie gerade erst zugezogen sind: Sie sind ein Thema, an dem sich der Mensch weidlich abarbeiten kann. Umso mehr, wenn es besondere Nachbarn sind, die vom Gewohnten ein ganzes Stück weit abweichen. Da bietet sich von wohlwollender Offenheit über voyeuristisch angehauchtem Interesse bis hin zu offener Ablehnung eine ganze Bandbreite an möglichen Reaktionen an.
Bester Stoff für eine Autorin wie Antonia Vitz, die es in ihren Romanen immer wieder versteht, Tiefen wie Untiefen von Miteinander, Nebeneinander, Gegeneinander auszuloten. So auch in „Wenn das die Nachbarn wüssten“, ihrem neuen, im Mai erschienenen Roman. Auf gewohnt augenzwinkernde wie anregende, weil Denkanstöße liefernde Weise erzählt die Autorin davon, was die Ankunft und die ersten Schritte eines Paares, das von so mancher Norm abweicht, auslösen können – beim Einzelnen ebenso wie in einer Gemeinschaft, die eben diese Norm als Maßstab anlegt.
Es braucht eine Weile, bis alle ihren Platz finden
Als die Bewohner des bayerischen Dorfs Katzbrück die Bekanntschaft von Estefania und Wolfram machen, wird schnell klar: Dieses Paar ist anders. Estefania ist eine Frau, die im falschen, weil männlichen Körper geboren wurde. Schlagartig halten Transgender und Transsexualität Einzug in Katzbrück, dessen Bewohner zum Teil nicht nur ablehnend, sondern regelrecht aggressiv auf einen Menschen reagieren, der zwar Brüste und ein rasiertes Gesicht hat, in der Überzeugung der Einheimischen aber doch ein Er ist – und das doch bitte auch bleiben sollte… Da braucht es einige Episoden und Kapitel, ehe alle Beteiligten ihren Platz in der neuen nachbarschaftlichen Konstellation gefunden haben.
Antonia Vitz lotet heikle Fragen aus und Aspekte, die sich aus der Ablehnung queerer Menschen ergeben. Und sie eröffnet Perspektiven, wie diese Ablehnung wirksam in ihre Schranken gewiesen werden kann. Lösungen eröffnen sich immer da, wo die Mehrheit der Beteiligten Offenheit und Normalität lebt, wo sie Menschen – unabhängig von ihrem Geschlecht – schlicht als Mensch begreift. Und das kann dann, ganz in bewährter Manier der Autorin, auch überaus erheiternde Szenen liefern. Etwa wenn Unikum Sepp, den erfahrene Leser von Vitz-Büchern aus früheren Romanen kennen, zu Hochform aufläuft…
Sprachliche und stilistische Qualitäten, für die Antonia Vitz immer wieder gelobt wird, kommen auch in „Wenn das die Nachbarn wüssten“ zum Tragen. Leichtfüßig und schnörkellos, dabei in den Formulierungen treffend und im Ton nuancenreich „berichtet“ die Autorin nicht nur, sondern lässt die Geschichte und die Figuren lebendige Dynamik entfalten. Verstärkt wird die Wirkung dadurch, dass die Autorin erstmals aus den verschiedenen Perspektiven ihrer Hauptfiguren erzählt. Ihre Romane sollten „feine Zwischentöne enthalten, die zum Nachdenken anregen und gleichzeitig lebendig und humorvoll bleiben“, formuliert Vitz ihren eigenen Anspruch. Den erfüllt sie auch im neuen Roman vollauf – lesenswert!
Als Duo Rock n Write tritt Antonia Vitz mit Musiker und Songwriter Daniel Gumo Reiss auf. Mit dem Programm „Fast (k)eine Lesung“ kommen die beiden am 19. Juni (19 Uhr) in den Stadtcafé-Garten in Nittenau (Tickets: Bücherei Nittenau, Telefon 0 94 36 / 90 27 30, buecherei@nittenau.de). Zum letzten Mal wird ihr Buch „Sakra, mein Chakra – Sepp und der Achtsamkeitskurs“ im Zentrum der Lesung stehen, kündigt Vitz an. Anschließend will sie ein Lesungskonzept für ihren neuen Roman erarbeiten, mit dem es im Herbst auf Lesereise geht.
Antonia Vitz: „Wenn das die Nachbarn wüssten“ ist erschienen bei Tolino Media, hat 368 Seiten und kostet als Taschenbuch 14,99 Euro.